Mittwoch, 20. Oktober 2021

Alle, außer mir von Francesca Melandri


Ich bin politisch interessiert und auch recht gut informiert (dachte ich). Ich schaue Nachrichten, lese Zeitung, sehe mir Reportagen an, lese über Land und Leute, Interessiere mich für Geschichte, Anthropologie und vieles mehr.

Nachdem ich den Roman "Alle, außer mir" von Francesca Melandra gelesen habe, muss ich mein Eigenbild beschämt revidieren. Ich weiß nicht genug und vor allem: das Wissen um manche Misstände ist nicht so unter die Haut gegangen, dass ich auch nur ansatzweise hätte nachempfinden können, in welcher Lebensrealität Betroffene, Täter oder Opfer, in der Wirklichkeit leben mussten und müssen.

Hiermit hat die Autorin mit Ihrem Buch über Kolonialismus, Faschismus und Rassismus gehörig aufgeräumt.

Attilio Profeti war ein Adonis, der Stolz seiner Mutter, bei den Frauen beliebt, ein Glückspilz. Im Italien der 30er Jahre tritt er als glühender Nationalist in die Armee ein und wird zu einem der gefürchteten  Schwarzhemden unter der faschistischen Führung des Duce. Er ist Bigamist  und sieht nun, knapp hundertjährig seinem Ende entgegen, von dem er schon als Junge überzeugt war es nicht erleben zu müssen, denn alle müssen sterben "alle, außer mir." Wir schreiben das Jahr 2010 in Italien regiert Silvio Berlusconi, mit nationalistischen Sprüchen und Bunga-Bunga Skandalen, die nicht an ihm haften bleiben und ihn keinesfalls politisch aus der Bahn werfen.

Vor der Tür von Attalios Tochter steht eines Tages ein junger Afrikaner, der behauptet der Enkel Attilios zu sein. Dieser habe während seines Aufenhaltes in Äthiopien mit einer Einheimischen ein Kind gezeugt, dessen Sohn er sei. Als Beweis zeigt er einen äthiopischen Pass, der ihn als Shimeto Ietmgeta Attilaprofeti ausweist. Als "illegaler" Flüchtling ist er über Lybien ins Land gekommen. Seine Geschichte ist die der Millionen Verzweifelten, die sich auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Tod in größte Gefahr mit ungewissem Ausgang begeben. Die auf dieser Flucht erlebten Erniedrigungen, die Internierung in Gefangenenlagern, in denen die hygienischen und Ernährungsbedingungen einem Todesurteil gleich kommen, hat er in einer jahrelangen Odyssee überstanden und möchte nun endlich in seiner Familie ankommen.

Zwischen Hoffen und Bangen begibt sich Ilaria auf die Suche nach Hinweisen, ob der Fremde recht haben könnte, denn der Vater ist dement und kann nicht befragt werden. Auf Ihrer Suche kommt sie Familiengeheimnissen auf die Spur, die ihr den Atem rauben und den Boden unter den Füßen wegziehen. Ihr Vater war tatsächlich in Äthiopien, hat im Krieg gegen das afrikanische Land gekämpft und an entsetzlichen Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung  mitgewirkt. Er hat unbeschreibliche Schuld auf sich geladen und mit der Überzeugung eines Rassisten schlimmste Vergehen gegen die Menschlichkeit begangen. All das hat ihn und seinesgleichen nicht davon abgehalten, sich mit schwarzen Frauen zu vergnügen und sich eine Mätresse zu halten.

Nach dem Krieg ist er in seinen sicheren Hafen in Italien und den Schoß seiner Familie zurückgekehrt, als wäre nichts gewesen.

Der italienische Buchtitel lautet: Sangue giusto - richtiges Blut. Und das ist die Kernfrage, der Melandri in dieser Biographie eines italienischen Veteranen, ja einer Biografie Italiens, nachgeht. Wer gibt Menschen das Recht, sich über andere zu erheben? Wie kann man Unterdrückung und Gewalt im Namen rassischer Überhöhung rechtfertigen? Und steht die Frage des nicht richtigen Blutes gar bei der Ablehnung von Flüchtlingen,  deren Einkerkerung in elenden Lagern und ihrer Abschiebung zurück in die Hölle, der sie entkommen sind, noch immer im Raume? Wer oder was gibt uns reichen Ländern das Recht, Menschen, deren Heimat durch Kolonialmächte ausgebeutet wurden, deren Haus und Hof mit Waffen zerstört werden, die wir verkauft haben, und von Kriegen, die wir anzetteln und befeuern. Die Krankheit und Tod ausgeliefert sind, weil wir unsere Medikamente unsere Impfmittel nicht zur Verfügung stellen.

Am Ende ist man als Leser dieses Buches genauso fassungslos wie Attilios Tochter. Wieso hat man trotz endloser Informationsflut das nicht gewusst? 


Dienstag, 15. Juni 2021

Der weiße Ovambo von Nils Ole Oermann

 


Auf das Buch „Der weiße Ovambo“ wurde ich im Rahmen meiner Ahnenforschung aufmerksam, denn Peter Pauly, die Hauptperson des Buches, wurde in Breslau in der Straße geboren, in der mein Vater als damals 6jähriger aufwuchs.

Auf nur 228 Seiten wird von wesentlichen Ereignissen des langen und ungewöhnlichen Lebens von Peter Pauly berichtet. Mit Humor und ohne Verbissenheit oder erhobenen Zeigefinger erfährt man vom privilegierten Aufwachsen und Lausbubendasein, das ein plötzliches Ende findet, als die Rassengesetze der Nationalsozialisten die evangelische Familie zu jüdischen Mischlingen deklariert und damit der Verfolgung aussetzt. Die angestrebte akademische Karriere an dem inzwischen zur Napola umgewidmeten Internat musste ins Wasser fallen.

Über ein unvermutetes Angebot in Afrika eine Kaffeeplantage zu beaufsichtigen begann die lebenslange Liebe zum afrikanischen Kontinent und seinen Menschen. Wenngleich Peter Pauly, wie alle Weißen, ein privilegiertes Leben in herausgehobener Stellung hätte führen können, empfand er das Unrecht der Apartheid und die schlechte Behandlung der Schwarzen beschämend. In vielen brenzligen Situationen stellte er sich mutig auf die Seite der Verfolgten und Benachteiligten. Seine Sorge galt der Verbesserung der Lebensbedingungen der Einheimischen. Seine Liebe zu den fröhlichen und trotz aller Sorgen und Nöte zuversichtlichen Einheimischen wurde zur lebenslangen Bindung an seine neue Heimat. In fortgeschrittenem Alter heiratete er in politisch schwierigen Zeiten eine schwarze Pastorin und wurde in deren Stamm aufgenommen. Schließlich anvancierte er sogar zum Stammesältesten und hatte für Groß und Klein, Alt und Jung im großen Stammesverband Sorge zu tragen.

Das Buch ist keine gesellschaftspolitische oder sozialkritische Abrechnung mit der Unterdrückung und dem Unrechtssystem im südlichen Afrika. Viel mehr ist es eine Hommage an Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Empathie und Zivilcourage. Und die bewundernswerte Resilienz eines mittlerweile 104jährigen Mannes, der in all seinen Höhen und Tiefen nie den tiefen Glauben an die Menschen oder gar seinen Humor verloren hat. Der Autor hat in seinen Interviews dem alten Herrn offensichtlich so aufmerksam gelauscht, dass man das Gefühl hat, dieser  erzähle einem persönlich seine Lebensgeschichte.

Die innere Haltung und Selbstreflexion dieses außergewöhnlichen Menschen wird bei seiner üblichen Antwort auf die Frage, wie es ihm gehe, auf einfache Weise deutlich: stets ein munteres

„Danke. Unverdient gut.“

Dienstag, 31. März 2020

Unorthodox

Die Corona Pandemie und die Kontaktsperre, geschlossene Theater, Kinos, Museen, Restaurants und Kneipen verändern das Leben so grundsätzlich, dass jeder von uns auch den eigenen Tagesablauf und seine Aktivitäten anpasst.

Nun auch hier einmal etwas anderes: keine Literaturempfehlung sondern eine Filmempfehlung! Die  4teilige Netflix Miniserie "Unorthdox" ist so ungewöhnlich, so informativ und mitreißend, dass ich hier allen, die die Möglichkeit haben Netflix zu schauen, dringend anraten möchte diese Folgen anzuschauen.

2017 war ich zum ersten Mal in New York/ Williamsburg und war überrascht die männlichen jüdischen Einwohner dort nicht nur in den bekannten schwarzen Mänteln und Hüten zu sehen, sondern in einer Tracht, die mir bis dahin völlig unbekannt war: auf dem Kopf riesige kreisrunde Fellhüte; schwarze, seidig glänzende, wadenlange, morgenmantelartige Roben, mit einem Stoffgürtel gebunden; darunter weiße Strümpfe und zierliche Slipper. Die Frauen in altmodischen langen Röcken, mit Perücke und/oder Kopftuch, die Kinder ebenfalls in altmodisch anmutender Kleidung und die Mädchen mit einer dicken Schleife auf dem Kopf. Obwohl es Samstag war, blieben die Straßen wie leer gefegt und nur wenige Familien bewegten sich langsam durch die Straßen, als würden sie an einem Faden gezogen. Google brachte Aufklärung darüber, dass es sich hier um orthodoxe chassidische Juden handelt.

Montag, 23. Dezember 2019

"Die Frau nebenan" von Yewande Omotoso

Die beiden Protagonistinnen: selbstbewusste Frauen, ehrgeizig, künstlerisch veranlagt, erfolgreiche Geschäftsfrauen, beide jahrelang in unglücklichen Beziehungen. Beide geprägt von einem brutalen, ungerechten Gesellschaftssystem und Rassismus. Jede auf ihre Weise, denn sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Hortensia ist schwarz,  Marion weiß. Hautfarbe hat in beider Leben eine maßgebliche Rolle gespielt. Aber auf unterschiedlichen Seiten in der südafrikanischen Gesellschaft. Hortensia hat die Herabwürdigung, die Verachtung und Beleidigungen zu spüren bekommen, Marion hat sie arrogant und von oben herab ausgeteilt. Die eine hat den Kopf trotz der Ablehung und Ausgrenzung  hoch getragen, die andere hat sich vor der eigenen Verantwortung für Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeit geduckt. 

Nun ist das Leben über beide Frauen hinweg gegangen. Sie sind einsam, alt und verbittert. Nicht mehr zu ändernde Fehlentscheidungen und Unzulänglichkeiten ihres Lebens belasten ihre Seelen. Neid und Gehässigkeit richten sich gegen alles und jeden und treiben beide an, sich gegenseitig als Nachbarinnen das Leben schwer zu machen. Zeitgleich geraten sie in schwierige Lebenssituationen. Marion droht aufgrund der Schulden ihres verstorbenen Mannes ihren gesamten Besitz zu verlieren. Hortensia wird nach dem Tod ihres Mannes mit dessen skurrilem Testament konfrontiert, das unangenehme Wahrheiten zutage fördert und ihr viel abverlangt. Nach einem Sturz ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Marion überlegt derweil, wie sie ein wertvolles Gemälde vor den Gläubigern verstecken kann. Bei Hortensia? 

In dem Wissen, dass ihre Nachbarin Marion einst das Haus entworfen hat in dem Hortensia nun lebt, und in dem diese am Liebsten selbst wohnen möchte, gibt Hortensia umfangreiche Umbauarbeiten in Auftrag um die verhasste Nachbarin zu treffen. Ein angerückter Kran beschädigt versehentlich Marions Haus so stark, dass diese in ein herunter gekommenes Gästehaus umsiedeln muss.

In gehässiger Absicht überredet Hortensia ihre Nachbarin vorübergehend bei ihr einzuziehen, nachdem sie alle Pflegekräfte rausgeekelt und niemanden hat, der für sie sorgt. Aber auch Marion hat üble Hintergedanken, als sie schließlich zustimmt.

Beide versuchen sich gegenseitig das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die bissigen Dialoge der alten Damen schwirren wie Pfeilspitzen hin und her. Aber die sich in böser Absicht gegenseitig an den Kopf geworfenen Bosheiten bringen auch Wahrheiten zu Tage, die lange verdrängt wurden. Entgegen dem eigentlichen Ansinnen nähern sich die beiden Frauen an. Erstmals sprechen sie über ihre tief empfundenen Enttäuschungen, über Versäumnisse, Verletzungen und Kränkungen, die sie nie überwunden haben. Nun wird deutlich, beide Frauen sind sich trotz aller Gegensätze ähnlich, sie beide tragen die Narben der gesellschaftlichen Spaltung und der gescheiterten Beziehungen in sich. Entwickelt sich da eine Freundschaft? Ganz sicher nicht im klassischen Sinne, aber für die beiden Frauen so viel Freundschaft, wie ihnen möglich ist.

Auf 263 Seiten erzählt Yewande Omotoso die Lebensgeschichte dieser Frauen, die jede auf ihre Weise in einem Unrechtssystem wirtschaftlich aufgestiegen und persönlich gescheitert sind. Sie entlarvt die Grausamkeit der von Diskriminierung und Rassentrennung geprägten Gesellschaft und schreibt über das Zusammenleben von schwarz und weiß früher und heute in Südafrika. Anschaulich, menschlich, ohne erhobenen Zeigefinger oder Aggression lernen die Leser viele Facetten eines Lebens mit Rassismus und Ungerechtigkeit und dessen Nachwirkungen kennen.Wer auf Friede, Freude, Eierkuchen am Ende hofft, der sieht sich getäuscht. Trotz niedrigschwelliger Annäherung bleiben beide Frauen sich treu, nämlich: bissig!



Montag, 7. Oktober 2019

Die Geschichte der Bienen- von Maja Lunde

Der Klimawandel ist in aller Munde. Dank Greta Thunberg mehr als je zuvor. Endzeitszenarien werden uns täglich in den Medien vor Augen geführt. Den Bildern von verhungernden Eisbären, verbrannten Urang-Utans und anderen leidenden, aussterbenden Kreaturen kann man kaum entkommen. Das Sterben der Bienen ist seit Jahren eine wiederkehrende Nachricht.

Wie aber wirken sich die Katastrophen auf jeden einzelnen aus?  Wie sieht unser tägliches Leben aus, wenn unsere Umwelt sich weiter verändert. Wie werden sich die Gesellschaften, die Arbeitswelt, die Familienverbände ändern?

Mit der Geschichte der Bienen ist auch die Geschichte der Menschheit verbunden. In 3 verschiedenen Zeitepochen schildert die Autorin das Leben mit, von und ohne Bienen. Der Leser bekommt Einblick in die fast industrielle Nutzung der Bienen für die Honigproduktion im 21. Jahrhundert und die Mühen des amerikanischen Imkers George, sich der industriellen von der Agraindustrie dominierten Ausbeutung der Natur zu unterwerfen und seinen Sohn davon zu überzeugen, den Familienbetrieb weiterzuführen.  Das mysteriöse Bienensterben bedroht seine Existenz. Im 19. Jahrhundert scheitert in England William als Forscher und verzweifelt an seinen vergeblichen Versuchen, seinem Mentor zu imponieren und dessen Anerkennung zu gewinnen. Eine großartige Erfindung, mit der Honig schonend und bienenfreundlich gewonnen werden kann, scheint die Wende zu bringen. Kurz vor dem Ende des 21. Jahrhunderts lebt Tao in China in einer Welt ohne Bienen. Mit den Bienen ist der Wohlstand verschwunden und die Nahrungsmittelversorgung auf der Welt kollabiert. Auf der Suche nach ihrem entführten Kind stößt Tao auf ein Wunder.

Als roter Faden ziehen sich durch alle Epochen die Folgen des menschlichen Handelns, das die Kultivierung und Ausbeutung der Natur bis zum Zusammenbruch vorantreibt. Die drei Erzählstränge, die jeweils das Wohl und Wehe der Protagonisten und ihrer Familien zeitgenössisch und auf verschiedenen Kontinenten darstellen, sind nicht nur spannende Menschen- und Zeitbilder sondern machen deutlich, dass es globale Zusammenhänge gibt und der Grundstock für die heutigen Umweltprobleme mit dem voranschreitenden Verlust der Biodiversität, bereits vor Jahrhunderten begonnen hat und noch immer anhält. Die Autorin zeichnet ein Bild unserer verarmten Welt, wie sie sich vielleicht in wenigen Jahrzehnten entwickeln wird.  Im Buch wird ein Bogen gespannt von 1852 über 2007 bis zum Jahr 2098.

Die Geschichten sind mitreißend und gut erzählt, mit den Charakteren kann man mitfühlen und ihre Nöte verstehen. Die Autorin schafft es einen kritischen Blick auf die unterschiedlichen Zeitebenen und das jeweilige menschliche Handeln und seine Folgen ohne erhobenen Zeigefinger zu werfen. Das Buch ist leicht zu lesen und bleibt stets spannend. Dennoch wirft es Fragen über unseren Umgang mit der Natur und die Verantwortung der Generationen füreinander und für die Zukunft auf.

Kurz: Leselust!


Montag, 5. August 2019

Gestorben wird anders- von Ebony Popiolek

Ein ungeliebter, vernachlässigter Ehemann, der eine Therapie abbricht, um nicht nur seine Frau sondern auch sein Leben zu verlassen. Eine attraktive FBI Agentin, die im Jagdfieber einem charmanten Serientäter verfällt. Eine Familie, die sich aus Eifersucht und Rache selbst auslöscht. Ein für seine gelähmte Frau treu sorgender Ehemann, der wegen eines Namens den Boden unter den Füßen verliert. Ein Bruder Kai, der zum Bruder Kain wird. Das Sterben und der Tod am Bett eines über 100-jährigen Naziverbrechers. Eine narzisstische Mutter, die lieber sterben als ihre Schuld anerkennen will.

Unterschiedlicher könnten die Protagonisten und Lebenswelten in den 7 Kurzgeschichten des Buches nicht sein. Und doch gelingt es der Autorin den Lesern die Gefühle und die gewundenen Gedankengänge jeder einzelnen Figur näher zu bringen. Ja, uns deren Denken und Handeln verstehen zu lassen.


Wortgewandt, eindringlich und doch mit erstaunlicher Leichtigkeit lässt uns Ebony Popiolek die Seelenschau der Akteure miterleben.

Ernsthaftigkeit, Tiefe, Lesegenuss und Kurzweil schließen sich hier nicht aus.

(Eigenverlag/ zu erwerben bei ➽ Amazon )

Donnerstag, 13. Juni 2019

Der Goldene Handschuh- Buch von Heinz Strunk/ Film von Fatih Akin

Der Titel des Buches und des gleichnamigen Films klingt nach einem Märchen. Prinz trifft Prinzessin, verliert seinen goldenen Handschuh und seine Angebetete aus den Augen. Der Handschuh bringt sie wieder zusammen. "Und wenn sie nicht gestorben sind ...."

Aber nein! Der "Goldene Handschuh" ist eine der übelsten Spelunken der Hamburger Reeperbahn. Hier treffen sich Kreaturen. die auf der untersten Stufe menschlicher Existenz angekommen sind. Nazi-Verbrecher, die sich noch immer an ihren vergangenen Untaten ergötzen, Gescheiterte, die nichts mehr haben: keine Liebe, keine Familie, keine Freunde, kein Zuhause, kein Mitleid. Alkoholiker, deren Gehirn und Körper von der Droge zerfressen sind. Trieb gesteuerte Sexsüchtige, die sich nur noch durch überbordende Gewalt ihren Kick holen können. Frauen, für die ein Schnaps und Missbrauch und Erniedrigung im Tausch für ein versifftestes Bett und ein Dach über dem Kopf die einzige Zuwendung ist, die sie noch erwarten dürfen.

Vor einigen Wochen habe ich den Film von Fatih Akin "Der Goldene Handschuh" (Link zum Trailer) gesehen und nun die Buchvorlage von Heinz Strunk gelesen. Ich konnte nicht fassen, dass es solch niedere Lebensformen und Existenzen in Deutschland wirklich geben kann. Und doch: den Goldenen Handschuh und den ihn umgebenden Kosmos und seine Bewohner gibt es tatsächlich. Noch heute. Und die Hauptfigur Fritz Honka ist ein leibhaftiger Serienmörder, der in den 70er Jahren in Hamburg sein Unwesen trieb und in eben diesem Goldenen Handschuh seine Opfer fand.

Die unglaubliche Verkommenheit der Szenerie, die explosionsartigen Gewaltausbrüche, die tiefste Stufe menschlicher Erniedrigung und Gleichgültigkeit werden im Film ungeschönt in Wort und Bild gezeigt. Fast sind die Dialoge und die Geräusche schwerer zu ertragen als die grausamen Bilder. Die äußerliche und innerliche Verwahrlosung, die überbordende physische, sprachliche und seelische Gewalt verursachen Ekel und Fassungslosigkeit. Die Szenen gehen an die Grenze des Erträglichen, selbst für Hartgesottene.

Während der Film durch Wort und Bild geradezu körperlich einwirkt, bringt das Buch mit seiner lakonischen, protokollierenden Erzählweise das Denken und die Vorstellungskraft an die Grenze des Fassbaren. Die Szenen der Kneipenbegegnungen, die Leere der Beziehungen zwischen den Akteuren, das völlige Fehlen jeglichen Mitgefühls hinterlassen den Leser einen rat- und hilflos.

Im Film steht der Absturz des Mörders Fritz Honka, seine Getriebenheit, im Vordergrund.

Im Buch führt uns Heinz Strunk vor Augen, dass diese abgrundtiefe Verderbtheit nicht nur in den untersten Schichten zu Hause ist, sondern auch in den besseren Kreisen. Wir lernen hier Männer dreier Generationen einer Reederfamilie kennen, bei denen unter der bürgerlichen Fassade Vereinsamung, Komplexe, Gier, moralische Verwahrlosung, Gewalt- und Machtphantasien ebenso die Abkehr von gesellschaftlichen Normen zur Folge hat. Im Goldenen Handschuh treffen sie aufeinander: die reichen und die armen Seelenkrüppel. Hier findet sich der Nährboden, den man braucht um sich restlos gehen zu lassen, um jede Grenzen zu überschreiten, um hilflose Opfer zu finden.

Fatih Akin und Heinz Strunk haben den Bodensatz dieses Jauchepfuhls unter die Lupe genommen und beleuchtet. Nichts beschönigt, nichts ausgelassen.

Als ich den Film sah bewegte mich vor allem die Frage: wie hat Akin Schauspielerinnen gefunden, die bereit waren eine so hässliche und vor allem eine so frauenfeindliche und erniedrigende Rolle zu übernehmen? Für mich waren diese missbrauchten, entwürdigten Frauengestalten schwerer zu ertragen, als die Mordszenen.

Das Buch mit seiner Intensität hat mich eher fragen lassen: darf man solche Lebensformen als Gesellschaft dulden? Muss man diese kranken, armen Kreaturen nicht vor sich selbst schützen? Darf man eine Subkultur zulassen, in der Gewalt, Körperverletzung und Ehrverletzung und der Verlust der Menschenwürde auf der Tagesordnung stehen?

Diese Fragen sind es meines Erachtens, die dem Film wie dem Buch seine Berechtigung geben. Denn beide klären in einer Weise und Tiefe über diese gesellschaftlichen Randerscheinungen auf, wie ich es noch nie erfahren habe.

Ist dieses also eine Buch-/ Filmempfehlung? JEIN. Zu brutal, zu abartig um empfohlen zu werden. Aber nervenstarke und neugierige Menschen können hier eine Welt kennen lernen, wie sie uns allgemein verborgen und unvorstellbar ist. Immerhin: im Kino hat lediglich ein Pärchen nach den ersten Szenen den Kinosaal verlassen. Alle anderen blieben wie angewurzelt auf ihren Sitzen.






Freitag, 5. April 2019

Wo wir zu Hause sind- Die Geschichte meiner verschwunden Familie


Maxim Leo, ein in  Ostberlin geborener und aufgewachsener Journalist, begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit seiner jüdischen Familie, die dem Nationalsozialismus geschuldet, in alle Winde verstreut ist. Ganz unterschiedlich verliefen die Bemühungen sich im Ausland in Sicherheit zu bringen und jeder hatte seine eigenen Strategien und Lebensentwürfe. Ein Onkel kommt als Kind nach England, eine Tante lebt in Israel, eine andere in Österreich und eine nächste in den USA. Ihre Lebensgeschichten erforscht Leo in Interviews mit den noch lebenden Verwandten und deren Nachkommen. Er begibt sich auf die Reise zu seinen Verwandten in der Ferne. Vor allem die Sehnsucht nach einer großen Familie ist seine Triebfeder.
Er stellt fest, dass die Generation der direkt Verfolgten sich verschlossen hat, sich gegen die alte Heimat gewendet, sich in der neuen Heimat etabliert und Mauern um die Erlebnisse der Vergangenheit errichtet hat. Aber die Nachfolgegenerationen spüren die Verbindung zur alten Heimat und zur Familie, die sie nie kennengelernt haben. Sie sind aufgeschlossen, unvoreingenommen und neugierig. Ihre Identität finden sie sowohl in der Vergangenheit als auch in ihrer Gegenwart. Selbst die Alten beginnen sich in diesem Wiederfindungsprozess zu öffnen und ihre Situation zu reflektieren. Es kommt zu Begegnungen und Erkenntnissen, die nicht nur zeigen, wie das Leben fern der ursprünglichen Heimat sich auf die kulturelle und persönliche Entwicklung auswirkt sondern auch, dass eine familiäre Bindung, eine unabdingbare, innere Nähe zu den Angehörigen der Familie in jedem steckt.
Dieses Buch hat zu mir in einer Zeit gefunden, in der ich mich intensiv auf die Suche nach meinem jüdischen Großvater gemacht habe und jetzt weiß, dass er mit seiner Familie nach Argentinien ausgewandert ist. Viele Fragen, die sich mir stellen, wie fühlt man sich, wenn man gezwungen wird die Heimat zu verlassen? Kann man im neuen Heimatland wirklich ankommen, kann es ein Ersatz für die Heimat sein? Wie geht man mit Demütigung und Erniedrigung um? Kann man der alten Heimat verzeihen, was sie einem angetan hat? Wie „deutsch“ bleibt man auch unbewusst in einem neuen Leben? Wie wirken die Verwerfungen im Lebenslauf auf die nachfolgenden Generationen? Für all diese Fragen bieten die Lebensgeschichten der Familie Leo mögliche Antworten. Wir erfahren etwas vom „american dream“, dem „very british way of life“, über das Leben im Kibbuz bis hin zur Boheme der 30er Jahre in Paris. Das Buch ist nicht nur ein Familienroman, es ist auch ein Psychogramm von Entwurzelung und Neuanfang, von Demütigung und Verzeihung, vom Hinfallen und Aufstehen. Und es ist politisch. Denn in allen Ländern, in die die Angehörigen geflüchtet sind, macht sich der Rechtsruck bemerkbar, blüht der Nationalismus auf. Ob Brexit, Nethanjahus Siedlungspolitik, Trumps Abschottungspolitik oder die rechts-konservative Regierung in Österreich. Über 70 Jahre nach Kriegsende, nach Jahren der Entspannung und des Aufeinanderzugehens, greifen wieder Unversöhnlichkeit, Kompromisslosigkeit, Ausgrenzung und Abschottung um sich.
Das Interesse an Familie, das Miteinander und die Verbundenheit über Grenzen und Ozeane hinweg und das Verständnis dafür, dass wir nicht nur eine Heimat haben, kann vielleicht im Kleinen dazu beitragen, dass wir uns an Vielfalt freuen und neugierig bleiben.
Das Buch ist letztlich auch ein Plädoyer für Familienforschung. Nicht erst dann Fragen zu stellen, wenn nicht mehr geantwortet werden kann. Ich wünschte, dieses Bewusstsein wäre eher bei mir angekommen. Dann müsste ich heute nicht so mühsam Puzzleteilchen suchen und damit leben, dass einige Flächen leer bleiben werden .

Mittwoch, 23. Januar 2019

Carlos Ruiz Zafon- Der dunkle Wächter

Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels- zwei Romane des Autors, die ich verschlungen und geliebt habe. Sprachlich eine Wonne und spannend bis zum letzten Wort. Immer geheimnisvoll und manchmal ein bisschen unwirklich.

Als ich auf den o.g. Titel stieß, war ich erstaunt auf dem Backcover zu lesen: "Herrlicher Schauerroman". 

Tatsächlich wird hier hier vom Autor eine Geschichte entwickelt, deren Rezept lauten könnte: man nehme viel von der Fähigkeit eines Zafon, die Charaktere liebevoll zu zeichnen und die Leser atmosphärisch einzuwickeln, gebe ein wenig von der urfaustschen Idee, ein wenig Daphne du Maurier, einen Schuss Edgar Allen Poe und eine Prise Liebesgeschichte a la Rosamunde Pilcher dazu, mische kräftig und bringe es langsam zum Kochen.

Zafon entführt uns in die 30er Jahre an die französische Atlantikküste in ein verschlafenes Fischernest nahe dem Mont Saint Michel. Die Mutter zweier Kinder, deren Ehemann und Vater verstorben ist und sie mittellos zurückließ, bekommt die Chance ihrer Armut in Paris zu entfliehen und für einen Spielzeugfabrikanten zu arbeiten, der nahe dem Dorf in einem unheimlichen Herrenhaus wohnt. Schon bald bekommt die Idylle Risse: eine alte, unheimliche Geschichte um den verlassenen Leuchtturm und das Herrenhaus kommt langsam zu Tage.  Die kleine Familie wie auch der charmante Hausherr geraten in einen gefährlichen Strudel von Hass, Rache und Zerstörung als ein alter Fluch zurückkehrt und seinen Tribut fordert. Hausherr, Mutter und Kinder müssen verzweifelt um ihr Leben kämpfen 

Es ist sicher 30 oder gar 40 Jahre her, dass ich Schauergeschichten von Poe und anderen geliebt und verschlungen habe. Heute sind es eher realitätsnahe Kriminalromane oder ergreifende menschliche Schicksale und Familiengeschichten, die mich erschauern lassen. So war es etwas schwierig, mich auf das Phantastische und Unrealistische in diesem Roman einzulassen. Es ist mir auch nicht ganz gelungen. Dennoch kann ich nach der Lektüre konstatieren: ein gutes Buch.  Vor allem für diejenigen, die Phantasy und Fiction mögen. 

Montag, 21. Januar 2019

Freya von Moltke- Ein Jahrhundertleben 1911-2010

In dieser Biographie lernt man nicht nur Freya von Moltke kennen, sondern eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten, mit denen Freya und ihr Mann, der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke bekannt waren. 

Nahezu ein ganzes Jahrhundert hat Freya durchlebt. Sie hat die Schrecken zweier Kriege, Flucht und größte wirtschaftliche Not durchgestanden und ihrem Mann durch die Zeit seiner Haft, die Verzweiflung, die Hoffnung  und die Hoffnungslosigkeit bis zu seiner Hinrichtung beigestanden. Sie hat in Deutschland, Südafrika und den USA gelebt, Nationalsozialismus, Apartheid und Rassendiskriminierung miterlebt. Und nach dem Krieg das schnelle Geschichtsvergessen in Deutschland.

Mit nahezu unmenschlicher Stärke hat sie alle Gefühlsqualen, jede Gefahr, jede Notlage und menschlichen Tragödien durchgestanden. Ausgestattet mit außerordentlicher Liebesfähigkeit, grenzenloser Treue, Verbundenheit und Pflichtgefühl. Eine starke Frau, bewundernswert und vorbildlich. Und doch hat sich mir immer wieder die Frage gestellt: was hätte aus ihr werden können, wenn sie sich nicht so ausnahmslos in den Schatten ihrer Männer gestellt hätte? Wo ist sie selbst, ihr Eigenes, ihr Werk zu finden? Was wäre ihr eigenes Ziel gewesen? Ein wenig schäme ich mich dafür, diese mutige Frau, die so viel Stärke und Größe bewiesen hat, nicht uneingeschränkt bewundern zu können. Mein von der heutigen Zeit geprägtes Verständnis von Emanzipation und Selbstverwirklichung steht mir da wohl im Wege. Vielleicht wurde aber auch von der Biografin das Individuum Freya nicht genügend herausgearbeitet. Vielleicht hatte Freya mehr eigenen Willen, mehr eigene Vorstellungen und Ziele, als in dem Buch dargestellt wird.

Als Kind eines Bankiers und einer adeligen wächst Freya Deichmann behütet im Wohlstand auf. So recht weiß sie nichts mit sich anzufangen, hat keine Vorstellung von dem, was sie einmal im Leben werden möchte und lässt sich eher von den Umständen leiten. Eine Hauswirtschaftsschule besucht sie wohl eher in Ermangelung einer besseren Idee. Immerhin merkt sie, dass das Lernen ihr leicht fällt und Freude bereitet. So bereitet sie sich privat auf die Abiturprüfung vor, die sie mit guten Noten besteht. 1929 mit 18 lernt sie Helmuth von Moltke kennen und verliebt sich in ihn. Fortan ist er ihr Lebensinhalt und -elexier. Den politisch engagierten intellektuellen Jurastudent trifft sie so häufig wie möglich und nimmt schließlich selbst ein Jurastudium auf. Zeitweilig studieren beide gemeinsam in Berlin. Aber Helmuth versucht auch den 400 km von Berlin entfernten elterlichen Gutshof in Kreisau/ Schlesien, der in wirtschaftlich schwierigen Problemen steckt, zu konsolidieren. Das Paar ist häufig getrennt bleibt aber eng verbunden.

Auch nach der Hochzeit 1931 ist das Paar aufgrund Helmuth von Moltkes beruflicher Beanspruchung, seiner Reisen auch ins Ausland und später der zunehmenden Aktivitäten im Widerstand immer wieder auch für längere Zeit getrennt. Freya übernimmt die Rolle der Gutsherrin Obwohl großbürgerlich in der Stadt aufgewachsen, findet sie Gefallen am arbeitsreichen, ländlichen Leben. Sie setzt zwar ihr Studium fort und promoviert, aber trotz der guten Ausbildung richtet sie ihr ganzes Leben und Streben an Helmuth aus und verzichtet auf eine eigene berufliche Tätigkeit. In den folgenden Jahren von 1935 bis zur Verhaftung ihres Mannes und schließlich der Flucht 1945 führt Freya den Gutsbetrieb, den Haushalt und bekommt 2 Söhne. Sie unterstützt Helmuth stets bei seinen zunehmenden Aktivitäten in der Widerstandsbewegung und hält ihm den Rücken frei.

Während des Gefängnisaufenthaltes erlebt das Ehepaar zum ersten Mal eine große Nähe. Freya hält sich so viel wie möglich in Berlin auf. Besucht ihren Mann so oft es ihr erlaubt wird, fährt in die Haftanstalt um Wäsche zu tauschen, Nahrungsmittel abzugeben und einfach nur in seiner Nähe zu sein. Es gelingt dem Paar täglich Briefe auszutauschen, die der Freund und Gefängnispastor Poelchau hinein- und hinausschmuggelt. In diesen Briefen geben sich die beiden gegenseitig Stärke und vertiefen ihre Liebe und ihren christlichen Glauben um die kommende Trennung und Hinrichtung, von deren Unabdingbarkeit beide überzeugt sind, zu verkraften. Freya lebt nur noch für diese Beziehung. Es scheint, dass ihr nun zum ersten Mal wirkliche Beachtung durch ihren Mann zuteil wird.

Nach Helmuth von Molkes Hinrichtung im Januar 1945 nehmen die Sorge um Gut Kreisau und am Ende Flucht und Überleben in den Kriegswirren Freya voll und ganz in Anspruch. Einige Jahre lebt sie mit den Söhnen in Südafrika. Nach der langsamen Konsolidierung wird es Freyas vornehmliche Aufgabe, das Andenken ihres Mannes und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Erinnerung zu halten. Die vom Kreisauer Kreis niedergeschriebenen Ideen für ein soziales und demokratisches Deutschland nach dem Krieg sollen nicht untergehen. Jetzt zeigt sich was in Freya steckt, sie unternimmt Vortragsreisen, transkribiert die Briefe aus der Gefangenschaft, knüpft Kontakte, engagiert sich für die Organisation Cripple Care. Sie tritt aus dem Schatten ihres Mannes und der Familie.

Bis sie schließlich 1956 in Berlin den charismatischen, intellektuellen früheren Lehrer ihres Mannes, den verheirateten und 23 Jahre älteren Wissenschaftler Eugen Rosenstein, wieder trifft und sich Knall auf Fall verliebt. Und wieder wird sie zur starken Frau im Schatten eines großen Mannes. Nach einer emotionalen und aufreibenden Dreiecksbeziehung stirbt die Ehefrau Rosenzweigs 1959 und ein Jahr später bezieht Freya die Rosensteinsche Villa in Harwich/ USA. Das Andenken an ihren ersten Mann hält sie weiter hoch und unterstützt entsprechende Buchprojekte.

Nach dem Tode Rosenstocks wird sie wieder öffentlich aktiv. Nun hat sie das Erbe zweier "querliegender" Männer (wie sie es nennt) zu verwalten. Der Eugen Rosenstock-Huessy Fund und das Norwich Center  werden neu gegründet. Sie engagiert sich in einer Verbraucher Genossenschaft, veröffentlicht die Briefe aus der Gefangenschaft erstmalig und besucht zum ersten Mal seit Kriegsende Kreisau. Sie setzt sich für die deutsch-polnische Aussöhnung und den Erhalt des Gutes und die Schaffung eine internationale Begegnungsstätte ein. 1998 ist es so weit: die Begegnungsstätte wird im Beisein von Freya durch Helmut Kohl und den polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek eingeweiht. Nach einem bewegten und engagierten Leben stirbt Freya 2010 mit 99 Jahren.






Freitag, 9. November 2018

Ein Geniestreich die NUSSSCHALE


Was für eine Geschichte! Im Mutterbauch lässt es sich der Fötus gut gehen und wartet in Hockstellung auf dem Kopf auf die Geburt. Er nimmt regen Anteil am Leben seiner Mutter, genießt mit ihr ein gutes Tröpfchen Wein, ist ein Genießer und Denker.


Die Familienverhältnisse sind kompliziert ebenso wie die Beziehung der Protagonisten zueinander. Folglich hat das Ungeborene schon viel über den Sinn des Lebens und die menschlichen Schwächen sinniert. Die selbstverständliche Liebe zu seiner Mutter bekommt Risse, als er vom Mordkomplett seiner Mutter erfährt. Mit ihrem Geliebten (dem Onkel des Fötus!) plant sie die Ermordung des Ehemannes und Vaters. Es entwickelt sich eine spannende Kriminalgeschichte.

Kann man den Mord verhindern, wenn man eng eingeschlossen im Mutterleib steckt? Eigentlich nicht, aber ... dieses ungeborene Kind ist schlau und weiß seine wenigen Möglichkeiten richtig zu nutzen.

Dieses Büchlein, 274 Seiten die im Fluge gelesen sind, ist fesselnd, humorvoll, sarkastisch und manchmal tiefsinnig. Wer sprachlich anspruchsvolle Literatur liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Ian McEwan ist ein Geniestreich gelungen.

Sebastian Haffner- eine immer noch aktuelle Geschichte eines Deutschen

Kürzlich nahm ich an einem Kiezspaziergang durch unsere Nachbarschaft teil. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass das ehrwürdige alte Gebäude der jetzigen Volkshochschule nach Sebastian Haffner benannt wurde, weil dessen Vater dort Schuldirektor war und er dort aufgewachsen ist. Das brachte mir ein Buch in Erinnerung, dass ich vor vielen Jahren gelesen hatte: "Sebastian Haffner- Geschichte eines Deutschen- Die Erinnerungen 1914-1933".

Als ich das Buch aus dem Bücherregal zog und zu lesen begann, hat es mich sofort wieder mitgerissen. Nicht nur erklärt Haffner eindrucksvoll, wie der erste Weltkrieg begann und wie er selbst von dem Begeisterungssog mitgerissen wurde, sondern er beschreibt insbesondere die politische Situation und die Gefühlslage der Deutschen in der Weimarer Republik, während der Novemberrevolution und zur Zeit der Machtübernahme Hitlers. Hungersnot, Elend, Massenarbeitslosigkeit, politische Unruhe und Zerrissenheit beobachtet der damals junge Autor und kommentiert die Lage weise und vorausschauend. Man mag teilweise nicht glauben, dass die Aufzeichnungen echte Zeitdokumente sind, so glasklar und distanziert werden die Umstände, die Gefühle der Menschen und die Reaktionen seziert und analysiert. Das System Hitler und der Nationalsozialismus, rechte Propaganda und die Zerrissenheit des sozialistischen und kommunistischen Lagers werden verständlich beschrieben und beleuchtet.

Aus eigener Erfahrung und Betroffenheit schildert Haffner die Veränderungen im privaten Umfeld. Wie das Gift der Nazis langsam in die hintersten Winkel des Familienlebens sickert. Wie deren Ideologie Wirkung nicht nur politisch und gesellschaftlich sondern bis in das Privatleben hinein entfaltet. Er schreibt nicht aus der Position eines Verfolgten sondern der eines stillen Beobachters.

Wer gern mal Zeitzeugen fragt: "Wie konntet ihr das zulassen? Warum habt Ihr nichts getan?" Der findet in diesem Buch Antworten. Ich zumindest hatte nach der Lektüre das Gefühl, dass ich wohl unter den damaligen Umständen auch nicht der Mutigen Eine gewesen wäre.

Dieses Buch sollte m.E. Pflichtlektüre in den Oberstufen der Schulen werden. Es ist nicht nur gelebte Geschichte, sondern Spiegel der Zeit in der wir leben und der Verführungen, denen wir alle gelegentlich anheimfallen. Parallelen zu heutigen politischen Entwicklungen sind auffallend.

Mittwoch, 25. April 2018

In Mondnächten von Ami McKay

Neulich fiel mir dieses Buch in die Hand. Ja, in Berlin passiert es, dass Bücher einem "zufallen". Wer hier seinen Bücherbestand ausmistet denkt an all die bedürftigen Leser dort draußen und stellt eine Bücherbox vor die Haustür, auf den Fenstersims oder die Mauer. Es dauert nicht lange und es haben sich Abnehmer für den Lesestoff gefunden. Auf diese Weise haben schon einige Bücher den Weg in mein heimisches Regal gefunden. Gerade letzte Woche eine 8-bändige Sammlung der Goetheschen Werke aus dem Jahr 1880!

Das hier zu beschreibende Buch fand ich in einer Kiste im Hausflur des Mietshauses, in dem unser Sohn wohnt. Der Titel und der noch neue Einband animierten mich, das Buch mitzunehmen.  Zu Hause dann: Ernüchterung. Auf dem Einband heißt es: Nova Scotia zu Beginn des 20. Jahrhunderts: die junge Hebamme Dora Rare kennt gegen jedes Leiden das richtige Kraut. Sie weiß wofür frischer Tau gut ist, wie man ein Kind auf die Welt singt und womit man betrunkene Männer besänftigt. Oh je, bin ich hier an eines von diesen esoterischen, verträumten Büchern geraten, die die Geburt eines Kindes "schön schreiben" und einen glauben machen wollen, dass die Geburtsschmerzen gar leicht zu ertragen sind, wenn man alles der Natur überlässt?

Nein! Als ich in Ermangelung neuen Lesestoffes dann begann dieses Buch zu lesen, war es ganz anders als erwartet. Hier wird das Leben von Frauen erzählt, die in rauher Natur an einem einsamen, unwirtlichen Fleckchen Erde unter schwierigsten Bedingungen ihr Leben, das ihrer Familie vor allem aber das Überleben ihrer Kinder sichern müssen. Die Einwanderer müssen der Natur das Land zum Anbau der Nahrung abringen, müssen ihr Hab und gute vor den Unbilden rauer Naturgewalten schützen. Die Männer sind beim Fischfang der rauhen See ausgesetzt. Die Frauen sind häufig von vielen Schwangerschaften  ausgezehrt, Geburten sind oftmals eine lebensgefährliche Angelegenheit. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben, weit entfernt vom nächsten Ort, in dem Geschäfte, Apotheke und Arzt zu finden sind. Eine alte Einsiedlerin, die über Heilkräfte und medizinisches Wissen verfügt, ist die einzige Hilfe für die Frauen und ihre Familien bei Krankheiten, Verletzungen und bei Schwangerschaft und Geburt. Sie hat über Jahrzehnte jedes Kind in Scots Bay zur Welt gebracht. Trotzdem ist die Heilerin Außenseiterin, wird als Hexe gebrandmarkt und lebt nur geduldet am Rande der Gesellschaft. Lediglich die junge Dora Dare, einziges Mädchen in einem Jungenhaushalt, fühlt sich der alten Frau zugetan, lernt von ihr die geheimen Rezepturen und geht ihr schließlich sogar bei Geburten zur Hand.

In der nächst größeren Ortschaft siedelt sich ein Arzt an, der den Frauen mehr Sicherheit und Schmerzfreiheit bei der Geburt verspricht. Im Rahmen seiner Patientenwerbung verunglimpft er die Heilerin und Hebamme und findet AnhängerInnen, die sich gegen die Alte wenden. Als die alte Heilerin verstirbt und die junge Dora deren Platz eingenommen hat, kommt es zu schicksalhaften Tragödien, die ihr angelastet werden und schließlich zu ihrer Flucht führen. Aber Dora gibt nicht auf und kehrt eines Tages zurück um sich der Anklage zu stellen.

Spannend und mitreißend wird in diesem Buch das Leben und Überleben von Frauen in einer Zeit geschildert, in der sie häufig von ihren Männern unterdrückt und misshandelt wurden und wegen vieler Schwangerschaften und fehlender Schonung körperlich entkräftet und krank waren. Dennoch kämpfen sie für sich und ihre Familien und ein kleines Glück. Die junge Dora erstarkt in ihrer Rolle, getragen von ihren Freundinnen, die ihr durch schwere Zeiten helfen. Sie behauptet sich gegen die Männerwelt und emanzipiert sich gegenüber der modernen Medizin. 

Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart

Murakami schreibt in diesem kleinen, feinen Buch über unerfüllte Liebe, innige Freundschaft, Träume, tiefe Einsamkeit und Selbstzweifel. Aber die Geschichte, die er für uns entspinnt, ist weit weg von Tragik und Drama. Mit solcher Poesie und Selbstverständlichkeit bringt er uns die Gefühle der Protagonisten nahe, dass wir die Sinnsuche der Romanfiguren gespannt verfolgen und sie in ihre Träume begleiten.

Ein namentlich nicht bekannter  junger Lehrer ist der Erzähler und mit Sumire befreundet. Mit ihr kann er lange Dialoge führen, wie mit niemandem sonst. Aber sie strapaziert die Freundschaft auch durch nächtliche Anrufe, unbarmherzige Offenheit und ihr Unvermögen zu erkennen, wie sehr er ihr über die reine Freundschaft hinaus zugetan ist. Sumire hat mit ihrer Familie gebrochen und ihr Studium aufgegeben. Sie unterwirft sich nicht den Alltagsregeln, pflegt keine Kontakte, hat keine Liebesbeziehung. Sie ist ein Punk. Aber ihr Kopf ist voll von Fragen, von Überlegungen, Geschichten, die heraus wollen. Zwanghaft und ungeordnet schreibt sie Tag und Nacht.

Bis sie eines Tages eine Frau kennen lernt, in die sie sich verliebt und deren Assistentin sie wird. Nun wandelt sich die Unangepasste schlagartig innerlich und äußerlich in das Gegenteil. Mit Businesssuite und hohen Hacken wird organisiert, verhandelt und auf Geschäftsreise gegangen. Nur: ihre Liebe bleibt unerkannt und unerwidert. Ebenso wie die ihres Freundes zu ihr. Eine auf allen Seiten unerfüllte Amour fou.

Als Sumire bei einem Urlaub in Griechenland verschwindet, vermischen sich zunehmend Traum und Wirklichkeit. Man erkennt mehr und mehr, dass die drei Hauptfiguren sonderbar an sich vorbei leben. Über die Suche nach Sumire werden manche Geheimnisse gelüftet. Aber am Ende ist es wie am Anfang : das Leben geht weiter, nur ohne Sumire.


Montag, 19. Februar 2018

Berlin, Du bist so wunderbar Berlin- die etwas anderen Reisefuehrer

Berlin ist eine großartige Stadt. Schon immer war ich hier gern zu Besuch, habe natürlich die Standardsehenswürdigkeiten alle aufgesucht. Und das Brandenburger Tor, Unter den Linden, den Kudamm usw. besuche ich noch heute immer wieder gern.

Nun wohne ich seit über zwei Jahren in dieser weltoffenen, lebendigen Stadt und entdecke immer mehr interessante Orte. Und es kommen stetig neue dazu. Wie im letzten Jahr das Haus der amerikanischen Bürgerrechtlerin Rosa Parks oder die Street Art Installation THE HOUSE.

Als Besucher erfährt man kaum von all den faszinierenden Orten, die Berlin in petto hat. Aber, Hilfe ist in Sicht: es gibt bereits einige "Reiseführer", die einen anderen Fokus haben als die traditionellen Marcó Polos, Meridians usw. und die vor allem den Wissensdurst der Neugierigen und Geschichts- und Geschichteninteressierten stillen. Fünf empfehlenswerte Berlinführer stelle ich hier vor:

111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen


Auf 230 Seiten werden Orte in Berlin und ihre besonderen Geschichten beschrieben. Aus lange vergangenen Tagen, aber auch aus wilden Zeiten und politisch unruhigen Tagen. Da findet das Sound, in dem David Bowie in den wilden 70ern verkehrte, ebenso Erwähnung, wie ein Coup der westdeutschen Zeitung Tempo, die eine Ausgabe mit "staatsfeindlicher" Satire in die damals streng abgeschottete DDR schmuggelte.  Ungewöhnliche Geschichten von Prominenten wie Louis Armstrong, Henny Porten, Jessie Owens, Lilli Marlen, vom Geschäftsmann Bolle und überraschendes von der Bötzowbrauerei bis zur Mulackritze, von Hitlers Nero Befehl über Berlin und 5 Wochen Anarchie im Lenné Dreieck bis hin zum nationalsozialistischen Puff mit staatlich bezahlten, parteitreu gesinnten Dirnen, von eingemauerten Geliebten und Meisterdieben und vielem anderem ist zu lesen. Stadtpläne weisen die beschriebenen Orte aus und machen das "Nachwandern" bzw. Aufsuchen der Orte möglich.


Ich bin kein Berliner- ein Reisefuehrer für faule Touristen


Wer sich Berlin und den Eigenarten der Berliner humorvoll nähern möchte, der findet in Wladimir Kaminers Reiseführer lustige Anekdoten aus dem Stadtleben und über den Homo Berlinensis ebenso wie Informationen über Ausflugsziele, Gaststätten, Mode, Touristen, Kriminalität uvm. Die Eigenarten der berüchtigten Prenzlauer Mütter, der Berliner Türken und der russischen Diaspora bringt der Autor in der ihm eigenen komödiantischen Art auf den Punkt. Selbst wenn man Berlin nicht besuchen möchte, ist dieses 250 Seiten starke Buch eine amüsante Lektüre (vielleicht im Urlaub auf Malle :-D).








                                     




Amerikaner in Berlin


Die USA und Berlin haben eine ganz besondere Beziehung zueinander. Und das nicht erst seit dem Besuch von John F. Kennedy oder Barack Obama. In diesem historischen Reiseführer werden viele US-amerikanische Persönlichkeiten und die Orte an denen sie gewirkt haben, vorgestellt. Das geht vom ersten Gesandten am Preussischen Hof bis zum heute in Berlin lebenden Schriftsteller Jonathan Franzen. Wer wusste schon, dass Buffalo Bill in Berlin seine Wild West Show aufgeführt hat. Oder das W.E.B. Du Bois, der berühmte Initiator der Bürgerrechtsbewegung von 1892 bis 1894 an der Humboldtuniversität studierte. Wer kennt schon Mildred Harnack, die an der Friedrich-Wilhelms-Universität lehrte, sich in der Widerstandsgruppe "Die rote Kapelle" engagierte und deswegen die einzige Amerikanerin war, die von den Nazis hingerichtet wurde? Und wer weiß, dass einer der bekanntesten Schlagersänger in der DDR, der Amerikaner Dean Reed, der "rote Elvis" war? Viel mehr erstaunliche Geschichten sind in diesem Reiseführer zusammengetragen. Vom gleichen Verlag Ch.Links sind noch weitere historische Reiseführer zu haben: "Das geteilte Berlin 1945-1990" und "Das politische Berlin".


Berlin mit Risiken und Nebenwirkungen


Meine neueste Errungenschaft ist dieses Buch von Dr. Mark Benecke. Ja, genau der Benecke! Der abgedrehte, zutätowierte Kriminalbiologe aus dem Fernsehen. Er führt uns in die Geschichte und Bedeutung der Pharmaindustrie in Berlin ein. Dabei fördert er erstaunliche Fakten zu Tage, nämlich z.B. was Chrystal Meth mit Schokolade zu tun hat, über die Entdeckung von Bio-Viagra oder wie der Meister der Fehlschläge einen bis heute erfolgreichen Arzneimittelkonzern aufbaute.  Natürlich dürfen spektakuläre Kriminalfälle auch nicht fehlen. Die Bedeutung der Apotheken in der Medizin, lange bevor Ärzte die Halbgötter in Weiss wurden, wird deutlich gemacht. Wer weiß schon, dass Theodor Fontane in Berlin zum Apothekenhelfer ausgebildet wurde und zuletzt im Krankenhaus Bethanien in Kreuzberg tätig war, wo man noch heute seine Originalapotheke bewundern kann. Übrigens nicht die einzige im ursprünglichen Zustand erhaltene Apotheke aus dem 19. Jhd, auf die Benecke in seinem Führer hinweist. Benecke hat auf unterhaltsame Weise viel Kurioses und Wissenswertes zusammengetragen.


Welche Farbe hat Berlin


von David Wagner. Der Autor erzählt von seinen Wanderungen durch Berlin und seinem Auge entgehen auch die kleinen und belanglosen Dinge nicht. Ein bisschen wie Forrest Gump wandert er ziellos kreuz und quer durch die Strassen bis hin zum Stadtrand und kommentiert kritisch das Gesehene und die Veränderungen im Stadtbild. Das Buch richtet sich eher an Menschen, die Berlin in Ruhe, abseits von den Touristenrouten kennen lernen oder nur darüber lesen möchten. Ein paar Mal habe ich die Spur des Autors für eine Weile aufgenommen und war erstaunt, wie viel ich ohne die Lektüre übersehen hätte.

Noch eine Empfehlung für diejenigen, die nicht selbst die Spur aufnehmen  sondern geführt werden möchten: Bellevue-Berlin bietet Themenführungen durch die Kunst-, Kultur- und Architekturgeschichte in Berlin und Potsdam an. Zu finden unter:
http://www.bellevue-berlin.de/

Montag, 29. Januar 2018

Yuval Noah Harari- Eine kurze Geschichte der Menschheit


Schon viel ist über die Entstehung des Menschen und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geschrieben worden. Vieles habe ich gelesen. In den letzten Jahren wurde aufgrund vieler Forschungsergebnisse insbesondere der Primatenforschung eine Fragestellung immer eminenter: Was unterscheidet den Menschen von den Tieren? Lange war die schnelle Antwort: der Gebrauch von Werkzeugen! Heute wissen wir: viele Tiere, sogar sehr einfach gestrickte mit wenig brainpower nutzen Werkzeuge um sich Nahrungsquellen zu erschließen oder die Umwelt ihren Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Die Genforschung zeigt, dass wir unsern Vettern den Primaten bis auf nur 1% Abweichung in der DNA ähneln.

Die Antwort auf die Frage muss also viel differenzierter ausfallen. Und hier kommt dieses großartige Buch ins Spiel! Mein Freund, der Tierfotograf Benny Rebel, hat so begeistert über dieses Buch geschrieben, dass ich dem nichts hinzufügen möchte:




Am Ende eines jeden Jahres nehmen sich viele Menschen vor, mit guten Vorsätzen ins neue Jahr zu starten und ab dann einiges besser machen zu wollen. Ich habe mir seit einigen Jahren immer wieder vorgenommen, mich im neuen Jahr mehr zu bilden und mir mehr Wissen anzueignen.

In diesem Jahr traf ich einen sehr netten Menschen, der mit mir durch den Norden Kenias reiste und er schwärmte von einem Buch, das jeder einmal gelesen haben sollte. Er meinte, dass dieses Buch in jeder Schule unterrichtet werden müsse, weil es uns hilft, viele Zusammenhänge in unserer Welt und von unserem Leben besser zu verstehen.

Somit folgte ich seinem Rat und besorgte mir dieses Buch als Hörbuch, da ich mich so während meiner Arbeit am Computer weiterbilden kann. Der nette Teilnehmer meiner Fotosafari hatte Recht. Dieses Buch bringt das Thema auf einer sehr informativen und unterhaltsamen Weise dem Leser nah und öffnet den Horizont ungemein, weil viele Zusammenhänge in unserem Leben sehr anschaulich und intelligent mit einander verknüpft werden.

Die einzelnen Thesen waren mir bereits von anderen Büchern bekannt, jedoch dem Autor dieses Buches ist die Verknüpfung dieser historischen Thesen hervorragend gelungen.

Es ist die Rede von dem Buch mit dem Titel „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, das ich Euch für das neue Jahr unbedingt ans Herz legen würde. Es erweitert ganz sicher den geistigen Horizont eines jeden Lesers!

Der Historiker „Yuval Noah Harari“ ist der Autor dieses genialen Meisterwerkes und in diesem Buch beschreibt er sehr anschaulich die Geschichte unserer Erde und unserer Entstehung, sowie die sozialen und religiösen Zusammenhänge von verschiedenen Kulturen und viele andere interessante Themen, die mich persönlich beflügelten.

In diesem Buch beschreibt der geniale Uni-Professor aus Israel, wie der Mensch es schaffte, die Höhle hinter sich zu lassen und die Welt zu erobern und welchen Preis er selbst und seine Umwelt dafür bezahlen mussten.

Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und wenn Ihr Euch weiterbilden und Menschen wie Benny Rebel besser verstehen wollt, dann würde ich Euch dieses Buch sehr empfehlen!

Dienstag, 30. Mai 2017

Anonymous Rex -die Dinos sind unter uns

Durch Zufall bin ich an ein Buch geraten, welches ich mir wohl kaum jemals gekauft hätte!

Auf einer Parkbank hatte ich mittags einen liegengebliebenen Einband gesehen. Ich ging davon aus, dass jemand den Verlust bemerken und das Buch bald abholen wuerde. Als um Mitternacht bei meiner letzten Hunderunde das Buch noch immer dort lag und bei einsetzendem Nieselregen Schaden zu nehmen drohte, habe ich es als liber amicus in meine Obhut genommen und gerettet.

Unter dem Titel "Anonymos Rex" konnte ich mir gar nichts vorstellen und die ersten gelesenen Seiten verwirrten mich zusätzlich. Da erzählt ein Detektiv von seinem aktuellen Beschattungsjob und dass er "auf Basilikum" ist, das erst einen Glimmer verursacht und dann ordentlich knallt ???!!!

Wenig später erschliesst sich mir: ich bin an einen Fantasyroman geraten! Die Dinosaurier sind vor Millionen von Jahren nicht ausgestorben, sondern haben sich der menschlichen Lebensform angepasst. Sie sind kleiner geworden, haben sich dem menschlichen Denken angepasst und gelernt sich unbemerkt in der menschlichen Gesellschaft zurecht zu finden. Mit aufwändigen Kostuemen und Masken aus Latex, mit Gurten und Schnallen quetschen sie sich in menschliche Formen und leben unbemerkt unter den Homo Sapiens. Als Erbe ihrer Gattung sind sie besonders stark und haben hoch entwickelte Sinne und Instinkte.

Der Held des Romans ist ein Velociraptor namens Vincent Rubio. Ein auf dem absteigenden Ast befindlicher Detektiv, ein absoluter Loser, der einen letzten Auftrag von seinem Chef erhält, nachdem er zuvor mit einem Auftrag kläglich gescheitert ist und den Tod seines besten Freundes zu verantworten hat.

Nicht ganz Ernst zu nehmen, schrullig, amuesant und skurril wird ein Skandal ausserordentlichen Ausmasses aufgedeckt, der die moralischen Empfindungen der Dinowelt erschuettert. Unter Einsatz seines Lebens ermittelt Rubio in Los Angeles und New York und trifft dabei auf verlogene Menschen, sinnenfreudige Saurier, ruecksichtslose Wissenschaftler und verfuehrerische Frauen.

Jurassic Park mal anders 😃 Ermittlungen in der Dinosaurier Unterwelt, Scharaden, tödliche Begegnungen, gefährliche Spurensuche und Verfolgungsjagden machen das Buch unterhaltsam und spannend und auch eine humorvolle Komponente kommt nicht zu kurz. Es ist kurzweilig und die 300 Seiten lesen sich schnell weg. 

Mir hat die Lektuere Spass gemacht. Wer nicht alles bierernst nimmt und einfach mal "just for fun" eine verrueckte Geschichte lesen will, der sollte sich an diesen Roman heranwagen. Habe uebrigens gerade herausgefunden, dass er verfilmt wurde 😮

Samstag, 4. März 2017

A little life/ Ein bisschen Leben von Hanya Yanagihara

Wer sich nicht vor dicken Buechern fuerchtet, seine Nervenstärke austesten möchte und sprachliche Gewandtheit (hoffentlich auch in der deutschen Uebersetzung, ich habe das englische Original gelesen) liebt, der sollte dieses Buch der Newcomerin Hanya Yanagihara nicht verpassen. Auf immerhin 720 Seiten jagt uns die Autorin durch das "bisschen Leben", dass so viele Tiefen, so viele Wendungen und so ein furioses Ende hat, dass man sich am Ende selbst fuehlt, als sei ein viel zu kurzes Leben zu Ende gegangen. Trotz des grossen Leseumfanges hielt ich das Buch nach dem Durchlesen in der Hand und fuehlte eine Leere, wie selten in solch einem Moment. Nach kurzem Ueberlegen fing ich von vorne an zu lesen. Das konnte doch nicht alles einfach so vorbei sein!

Ich werde in meiner Besprechung nicht all zu viel von den Inhalten verraten, um die unglaublichen und mitreissenden Ereignisse nicht vorwegzunehmen. Ich rate auf jeden Fall davon ab, die ueblichen Rezensionen vorab zu lesen. Darin wird leider sehr viel verraten, was dem Buch einen Teil der Spannung nimmt.

Es beginnt wie ein amerikanischer Traum: vier Collegefreunde, alle ungewoehnlich talentiert, gut aussehend, zum Teil mit reichem Elternhaus, versuchen nach dem Studium in ihren Berufen Fuss zu fassen. Der charmante, blendend aussehende Frauenschwarm Willem als Schauspieler, der verträumte Malcolm aus reichem Elternhaus (der einzige der vier, der noch zu Hause wohnt) als Architekt, der unterhaltsame, geistreiche J.B. als Maler und schliesslich Jude, aufopferungsvoller, liebender Freund und hochbegabt als Jurist. Er ist als Waisenjunge im Kloster und im Heim aufgewachsen, hat eine leichte Gehbehinderung und ist von den Vieren der sensibelste. Die Vier sind lebenslang unzertrennbar, geben aufeinander Acht. Jude ist der charismatische Mittelpunkt des Quartetts.

Aber mit jedem Kapitel bekommt der Traum mehr Risse. Es sind nicht die Äusserlichkeiten, sondern die Gefuehle, die Ängste, die Zweifel, die an dem schönen Leben nagen. Vor allem Judes Lebens- und Leidensgeschichte wird Schicht um Schicht frei gelegt und schockiert mit ihrer Heftigkeit. Mit Wucht und ohne Ruecksichtnahme lässt uns die Autorin in Abgruende blicken, lässt uns Schmerz und Verzweiflung miterleben. Man wird von dem Strudel mitgerissen und kann nicht aufhören zu lesen. Manchmal ist das Weiterlesen selbst eine Art Folter. Auch fuer die Freundschaft der Vier wird Judes Ringen mit den Geistern der Vergangenheit zur Zerreissprobe.

Wer sehr zart besaitet ist, wird die Geschichte schwer ertragen können. Noch nie habe ich die Gefuehle, die verdrehte Wahrnehmung, die fern ab von der Realität im tiefsten Inneren gezogenen Schluesse einer verletzten Seele so intensiv mitfuehlen können. Yanagihara versteht es meisterhaft Zweifel, Selbstverachtung, Versagensängste und tiefste Verzweiflung zu beschreiben. 

Aber wir erleben auch tiefe Freundschaft, wahre Liebe und menschliche Guete. Wir können eine wunderbare Liebesgeschichte miterleben. Zwei Menschen, die sich zutiefst vertrauen und lieben, ueber alle Konventionen hinweg. Kann diese Liebe Heilung fuer Judes tief verborgene Verletzungen bringen?
Ich werde es nicht verraten. Und empfehle es selbst herauszufinden.

Dienstag, 7. Februar 2017

Ein Albtraum fuer alle Eltern

Ihr habt zwei Tage Zeit Euch nur dem Lesen zu widmen? Ihr habt als Muetter starke Nerven? Dann beginnt das Buch "Das Mädchen, das rueckwärts ging" von Kate Hamer zu lesen. Man kann es nämlich nicht aus der Hand legen, bis man zum Ende und damit zur Aufklärung gekommen ist.

Als Carmel 8 Jahre alt ist und mit ihrer Mutter ein Kinderfestival besucht, verschwindet sie spurlos. Die verzweifelte Mutter wird von Schuldgefuehlen, Hoffnung, Verzweiflung getrieben. Alles Suchen, jede Spur bleibt erfolglos. Jahrelang bleibt die Tochter verschwunden. Der verwaisten Mutter bleibt nichts anderes uebrig, als weiter zu leben und sich ihr Leben ohne ihr Kind zurueck zu erobern. In dieser Zeit werden der Ex-Ehemann und Vater von Carmel und seine neue Frau ihre engsten Vertrauten. Plötzlich wird das möglich, was das Elternpaar frueher nicht geschafft hat: man redet miteinander, man vertraut sich einander an, man teilt den Schmerz.

Weit weg von zu Hause lebt Carmel nun mit ihrem vermeintlichen Grossvater und seiner Lebensgefährtin. Auch sie muss sich mit ihrem neuen Leben arrangieren. Sie wurde von einem religiösen Eiferer und Scharlatan entfuehrt, der in ihr eine besondere Gabe entdeckt zu haben glaubt und die "Enkelin" als Heilerin bei religiösen Versammlungen auftreten lässt.

Einfuehlsam und  und gefuehlvoll schreibt die Autorin uns die Verzweiflung der Mutter ins Herz, aber auch die Selbstbehauptung des Mädchens, dass seine Ängste und Einsamkeit ueberwindet, sich zwar mit seiner neuen Lebenssituation abfindet, aber seine wirkliche Identität und die Liebe zur Mutter nie verrät. Der Erzählstrang wechselt jeweils in die Perspektive der Mutter zu der der Tochter.

Sehr nachvollziehbar und authentisch können wir als Leser den Kampf der Mutter um ihr Kind und ihr Seelenheil miterleben und gleichzeitig Carmels Entwicklung vom Kind zum selbstbewussten jungen Mädchen mitverfolgen. Wohl kaum jemanden haben nicht als Eltern Verlustängste geplagt, und sei es nur fuer Momente, in denen man die Kinder verloren glaubte und die die Welt um einen herum und das tiefste Innerste zusammen brechen liessen. In diesem Buch wird der Albtraum wahr und wir durchleben ihn mit Mutter und Tochter.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Ihr wollt wissen, was in den USA abgeht?


T.C. Boyle lässt uns ein wenig in die Seele der USA abseits von Glamour und Hollywood blicken. Hier geht es nicht um "Yes we can" um "Change" oder eine bunte Regenbogengesellschaft. Hier sind wir in der Weite Amerikas, dem Land des weissen Mannes. Des wuetenden weissen Mannes. Hier zählt "This land is my land" und "I stand my ground". Das Verständnis von persönlicher Freiheit geht hier so weit, dass die Arbeit der Polizei als unzulässige Einmischung in persönliche Angelegenheiten empfunden wird.

Adam, der tragische Held des Romanes, ein Kind der Wohlstands-gesellschaft, ist längst ein Aussenseiter geworden. Er träumt sich in den Wilden Westen hinein und eifert seinem Idol John Colter nach, der sich gegen alle Feinde verteidigen kann und dem Schicksal immer wieder ein Schnippchen schlägt. Wie er fuehrt Adam ein einsames Leben ausserhalb des gesellschaftlichen Rasters. Anders als ein Held erträgt er sein Dasein jedoch fast nur vollgedröhnt und hat sich in den Bergen eine Hanfplantage angelegt. Jede Begegnung mit der "normalen" Welt endet gewöhnlich im Chaos, weshalb er nur selten Kontakt sucht. Eine Liebesaffäre mit einer Gleichgesinnten, die ihren eigenen Krieg gegen die Behörden fuehrt aber noch nicht aus der Welt gefallen ist, bringt ihn punktuell wieder mit der Gesellschaft zusammen. Mit Sara verbindet ihn Sex und der gemeinsame Hass auf die Ordnungsbehörden.  Weil sie "keinen Vertrag mit dem Staat" und ihr Auto nicht ordnungsgemäss angemeldet hat, wurde dieses bei einer Polizeikontrolle ebenso konfisziert wir ihr Hund, der in ein Tierheim gebracht wurde. Die Befreiung ihres Hundes hat fuer sie oberste Priorität und Adam wird zum Unterstuetzer. Ein widerrechtlicher Befreiungsversuch, befeuert von Adams gewalttätigem Hass fuehrt endgueltig ins Chaos.

Adams innere Wut, die ausweglosen Situationen, in die er sich immer wieder hinein manövriert hat und ein zunehmender Realitätsverlust steigern seine Gewaltbereitschaft und befeuern die Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Die Staatsgewalt ruestet auf und es kommt zum finalen Showdown.

Meisterhaft beschreibt T.C. Boyle die Schule der Gewalt. Hier lernen wir die Persönlichkeiten und die Gemuetszustände kennen, die zu den gewalttätigen Endladungen fuehren, von denen wir mit Entsetzen in den Medien hören. Die Frage, wie viel Freiheit und wie viel Individualismus eine Gesellschaft aushalten kann und muss, drängt sich auf. Der Härtetest fuer unsere deutsche Gesellschaft hat mit immer brutaleren Gewaltexzessen, der Fluechtlingswelle, dem Terrorismus, den Reichsbuergen, dem wiederkehrenden Nationalismus wohl gerade erst begonnen.