Donnerstag, 13. Juni 2019

Der Goldene Handschuh- Buch von Heinz Strunk/ Film von Fatih Akin

Der Titel des Buches und des gleichnamigen Films klingt nach einem Märchen. Prinz trifft Prinzessin, verliert seinen goldenen Handschuh und seine Angebetete aus den Augen. Der Handschuh bringt sie wieder zusammen. "Und wenn sie nicht gestorben sind ...."

Aber nein! Der "Goldene Handschuh" ist eine der übelsten Spelunken der Hamburger Reeperbahn. Hier treffen sich Kreaturen. die auf der untersten Stufe menschlicher Existenz angekommen sind. Nazi-Verbrecher, die sich noch immer an ihren vergangenen Untaten ergötzen, Gescheiterte, die nichts mehr haben: keine Liebe, keine Familie, keine Freunde, kein Zuhause, kein Mitleid. Alkoholiker, deren Gehirn und Körper von der Droge zerfressen sind. Trieb gesteuerte Sexsüchtige, die sich nur noch durch überbordende Gewalt ihren Kick holen können. Frauen, für die ein Schnaps und Missbrauch und Erniedrigung im Tausch für ein versifftestes Bett und ein Dach über dem Kopf die einzige Zuwendung ist, die sie noch erwarten dürfen.

Vor einigen Wochen habe ich den Film von Fatih Akin "Der Goldene Handschuh" (Link zum Trailer) gesehen und nun die Buchvorlage von Heinz Strunk gelesen. Ich konnte nicht fassen, dass es solch niedere Lebensformen und Existenzen in Deutschland wirklich geben kann. Und doch: den Goldenen Handschuh und den ihn umgebenden Kosmos und seine Bewohner gibt es tatsächlich. Noch heute. Und die Hauptfigur Fritz Honka ist ein leibhaftiger Serienmörder, der in den 70er Jahren in Hamburg sein Unwesen trieb und in eben diesem Goldenen Handschuh seine Opfer fand.

Die unglaubliche Verkommenheit der Szenerie, die explosionsartigen Gewaltausbrüche, die tiefste Stufe menschlicher Erniedrigung und Gleichgültigkeit werden im Film ungeschönt in Wort und Bild gezeigt. Fast sind die Dialoge und die Geräusche schwerer zu ertragen als die grausamen Bilder. Die äußerliche und innerliche Verwahrlosung, die überbordende physische, sprachliche und seelische Gewalt verursachen Ekel und Fassungslosigkeit. Die Szenen gehen an die Grenze des Erträglichen, selbst für Hartgesottene.

Während der Film durch Wort und Bild geradezu körperlich einwirkt, bringt das Buch mit seiner lakonischen, protokollierenden Erzählweise das Denken und die Vorstellungskraft an die Grenze des Fassbaren. Die Szenen der Kneipenbegegnungen, die Leere der Beziehungen zwischen den Akteuren, das völlige Fehlen jeglichen Mitgefühls hinterlassen den Leser einen rat- und hilflos.

Im Film steht der Absturz des Mörders Fritz Honka, seine Getriebenheit, im Vordergrund.

Im Buch führt uns Heinz Strunk vor Augen, dass diese abgrundtiefe Verderbtheit nicht nur in den untersten Schichten zu Hause ist, sondern auch in den besseren Kreisen. Wir lernen hier Männer dreier Generationen einer Reederfamilie kennen, bei denen unter der bürgerlichen Fassade Vereinsamung, Komplexe, Gier, moralische Verwahrlosung, Gewalt- und Machtphantasien ebenso die Abkehr von gesellschaftlichen Normen zur Folge hat. Im Goldenen Handschuh treffen sie aufeinander: die reichen und die armen Seelenkrüppel. Hier findet sich der Nährboden, den man braucht um sich restlos gehen zu lassen, um jede Grenzen zu überschreiten, um hilflose Opfer zu finden.

Fatih Akin und Heinz Strunk haben den Bodensatz dieses Jauchepfuhls unter die Lupe genommen und beleuchtet. Nichts beschönigt, nichts ausgelassen.

Als ich den Film sah bewegte mich vor allem die Frage: wie hat Akin Schauspielerinnen gefunden, die bereit waren eine so hässliche und vor allem eine so frauenfeindliche und erniedrigende Rolle zu übernehmen? Für mich waren diese missbrauchten, entwürdigten Frauengestalten schwerer zu ertragen, als die Mordszenen.

Das Buch mit seiner Intensität hat mich eher fragen lassen: darf man solche Lebensformen als Gesellschaft dulden? Muss man diese kranken, armen Kreaturen nicht vor sich selbst schützen? Darf man eine Subkultur zulassen, in der Gewalt, Körperverletzung und Ehrverletzung und der Verlust der Menschenwürde auf der Tagesordnung stehen?

Diese Fragen sind es meines Erachtens, die dem Film wie dem Buch seine Berechtigung geben. Denn beide klären in einer Weise und Tiefe über diese gesellschaftlichen Randerscheinungen auf, wie ich es noch nie erfahren habe.

Ist dieses also eine Buch-/ Filmempfehlung? JEIN. Zu brutal, zu abartig um empfohlen zu werden. Aber nervenstarke und neugierige Menschen können hier eine Welt kennen lernen, wie sie uns allgemein verborgen und unvorstellbar ist. Immerhin: im Kino hat lediglich ein Pärchen nach den ersten Szenen den Kinosaal verlassen. Alle anderen blieben wie angewurzelt auf ihren Sitzen.






Freitag, 5. April 2019

Wo wir zu Hause sind- Die Geschichte meiner verschwunden Familie


Maxim Leo, ein in  Ostberlin geborener und aufgewachsener Journalist, begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit seiner jüdischen Familie, die dem Nationalsozialismus geschuldet, in alle Winde verstreut ist. Ganz unterschiedlich verliefen die Bemühungen sich im Ausland in Sicherheit zu bringen und jeder hatte seine eigenen Strategien und Lebensentwürfe. Ein Onkel kommt als Kind nach England, eine Tante lebt in Israel, eine andere in Österreich und eine nächste in den USA. Ihre Lebensgeschichten erforscht Leo in Interviews mit den noch lebenden Verwandten und deren Nachkommen. Er begibt sich auf die Reise zu seinen Verwandten in der Ferne. Vor allem die Sehnsucht nach einer großen Familie ist seine Triebfeder.
Er stellt fest, dass die Generation der direkt Verfolgten sich verschlossen hat, sich gegen die alte Heimat gewendet, sich in der neuen Heimat etabliert und Mauern um die Erlebnisse der Vergangenheit errichtet hat. Aber die Nachfolgegenerationen spüren die Verbindung zur alten Heimat und zur Familie, die sie nie kennengelernt haben. Sie sind aufgeschlossen, unvoreingenommen und neugierig. Ihre Identität finden sie sowohl in der Vergangenheit als auch in ihrer Gegenwart. Selbst die Alten beginnen sich in diesem Wiederfindungsprozess zu öffnen und ihre Situation zu reflektieren. Es kommt zu Begegnungen und Erkenntnissen, die nicht nur zeigen, wie das Leben fern der ursprünglichen Heimat sich auf die kulturelle und persönliche Entwicklung auswirkt sondern auch, dass eine familiäre Bindung, eine unabdingbare, innere Nähe zu den Angehörigen der Familie in jedem steckt.
Dieses Buch hat zu mir in einer Zeit gefunden, in der ich mich intensiv auf die Suche nach meinem jüdischen Großvater gemacht habe und jetzt weiß, dass er mit seiner Familie nach Argentinien ausgewandert ist. Viele Fragen, die sich mir stellen, wie fühlt man sich, wenn man gezwungen wird die Heimat zu verlassen? Kann man im neuen Heimatland wirklich ankommen, kann es ein Ersatz für die Heimat sein? Wie geht man mit Demütigung und Erniedrigung um? Kann man der alten Heimat verzeihen, was sie einem angetan hat? Wie „deutsch“ bleibt man auch unbewusst in einem neuen Leben? Wie wirken die Verwerfungen im Lebenslauf auf die nachfolgenden Generationen? Für all diese Fragen bieten die Lebensgeschichten der Familie Leo mögliche Antworten. Wir erfahren etwas vom „american dream“, dem „very british way of life“, über das Leben im Kibbuz bis hin zur Boheme der 30er Jahre in Paris. Das Buch ist nicht nur ein Familienroman, es ist auch ein Psychogramm von Entwurzelung und Neuanfang, von Demütigung und Verzeihung, vom Hinfallen und Aufstehen. Und es ist politisch. Denn in allen Ländern, in die die Angehörigen geflüchtet sind, macht sich der Rechtsruck bemerkbar, blüht der Nationalismus auf. Ob Brexit, Nethanjahus Siedlungspolitik, Trumps Abschottungspolitik oder die rechts-konservative Regierung in Österreich. Über 70 Jahre nach Kriegsende, nach Jahren der Entspannung und des Aufeinanderzugehens, greifen wieder Unversöhnlichkeit, Kompromisslosigkeit, Ausgrenzung und Abschottung um sich.
Das Interesse an Familie, das Miteinander und die Verbundenheit über Grenzen und Ozeane hinweg und das Verständnis dafür, dass wir nicht nur eine Heimat haben, kann vielleicht im Kleinen dazu beitragen, dass wir uns an Vielfalt freuen und neugierig bleiben.
Das Buch ist letztlich auch ein Plädoyer für Familienforschung. Nicht erst dann Fragen zu stellen, wenn nicht mehr geantwortet werden kann. Ich wünschte, dieses Bewusstsein wäre eher bei mir angekommen. Dann müsste ich heute nicht so mühsam Puzzleteilchen suchen und damit leben, dass einige Flächen leer bleiben werden .

Mittwoch, 23. Januar 2019

Carlos Ruiz Zafon- Der dunkle Wächter

Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels- zwei Romane des Autors, die ich verschlungen und geliebt habe. Sprachlich eine Wonne und spannend bis zum letzten Wort. Immer geheimnisvoll und manchmal ein bisschen unwirklich.

Als ich auf den o.g. Titel stieß, war ich erstaunt auf dem Backcover zu lesen: "Herrlicher Schauerroman". 

Tatsächlich wird hier hier vom Autor eine Geschichte entwickelt, deren Rezept lauten könnte: man nehme viel von der Fähigkeit eines Zafon, die Charaktere liebevoll zu zeichnen und die Leser atmosphärisch einzuwickeln, gebe ein wenig von der urfaustschen Idee, ein wenig Daphne du Maurier, einen Schuss Edgar Allen Poe und eine Prise Liebesgeschichte a la Rosamunde Pilcher dazu, mische kräftig und bringe es langsam zum Kochen.

Zafon entführt uns in die 30er Jahre an die französische Atlantikküste in ein verschlafenes Fischernest nahe dem Mont Saint Michel. Die Mutter zweier Kinder, deren Ehemann und Vater verstorben ist und sie mittellos zurückließ, bekommt die Chance ihrer Armut in Paris zu entfliehen und für einen Spielzeugfabrikanten zu arbeiten, der nahe dem Dorf in einem unheimlichen Herrenhaus wohnt. Schon bald bekommt die Idylle Risse: eine alte, unheimliche Geschichte um den verlassenen Leuchtturm und das Herrenhaus kommt langsam zu Tage.  Die kleine Familie wie auch der charmante Hausherr geraten in einen gefährlichen Strudel von Hass, Rache und Zerstörung als ein alter Fluch zurückkehrt und seinen Tribut fordert. Hausherr, Mutter und Kinder müssen verzweifelt um ihr Leben kämpfen 

Es ist sicher 30 oder gar 40 Jahre her, dass ich Schauergeschichten von Poe und anderen geliebt und verschlungen habe. Heute sind es eher realitätsnahe Kriminalromane oder ergreifende menschliche Schicksale und Familiengeschichten, die mich erschauern lassen. So war es etwas schwierig, mich auf das Phantastische und Unrealistische in diesem Roman einzulassen. Es ist mir auch nicht ganz gelungen. Dennoch kann ich nach der Lektüre konstatieren: ein gutes Buch.  Vor allem für diejenigen, die Phantasy und Fiction mögen. 

Montag, 21. Januar 2019

Freya von Moltke- Ein Jahrhundertleben 1911-2010

In dieser Biographie lernt man nicht nur Freya von Moltke kennen, sondern eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten, mit denen Freya und ihr Mann, der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke bekannt waren. 

Nahezu ein ganzes Jahrhundert hat Freya durchlebt. Sie hat die Schrecken zweier Kriege, Flucht und größte wirtschaftliche Not durchgestanden und ihrem Mann durch die Zeit seiner Haft, die Verzweiflung, die Hoffnung  und die Hoffnungslosigkeit bis zu seiner Hinrichtung beigestanden. Sie hat in Deutschland, Südafrika und den USA gelebt, Nationalsozialismus, Apartheid und Rassendiskriminierung miterlebt. Und nach dem Krieg das schnelle Geschichtsvergessen in Deutschland.

Mit nahezu unmenschlicher Stärke hat sie alle Gefühlsqualen, jede Gefahr, jede Notlage und menschlichen Tragödien durchgestanden. Ausgestattet mit außerordentlicher Liebesfähigkeit, grenzenloser Treue, Verbundenheit und Pflichtgefühl. Eine starke Frau, bewundernswert und vorbildlich. Und doch hat sich mir immer wieder die Frage gestellt: was hätte aus ihr werden können, wenn sie sich nicht so ausnahmslos in den Schatten ihrer Männer gestellt hätte? Wo ist sie selbst, ihr Eigenes, ihr Werk zu finden? Was wäre ihr eigenes Ziel gewesen? Ein wenig schäme ich mich dafür, diese mutige Frau, die so viel Stärke und Größe bewiesen hat, nicht uneingeschränkt bewundern zu können. Mein von der heutigen Zeit geprägtes Verständnis von Emanzipation und Selbstverwirklichung steht mir da wohl im Wege. Vielleicht wurde aber auch von der Biografin das Individuum Freya nicht genügend herausgearbeitet. Vielleicht hatte Freya mehr eigenen Willen, mehr eigene Vorstellungen und Ziele, als in dem Buch dargestellt wird.

Als Kind eines Bankiers und einer adeligen wächst Freya Deichmann behütet im Wohlstand auf. So recht weiß sie nichts mit sich anzufangen, hat keine Vorstellung von dem, was sie einmal im Leben werden möchte und lässt sich eher von den Umständen leiten. Eine Hauswirtschaftsschule besucht sie wohl eher in Ermangelung einer besseren Idee. Immerhin merkt sie, dass das Lernen ihr leicht fällt und Freude bereitet. So bereitet sie sich privat auf die Abiturprüfung vor, die sie mit guten Noten besteht. 1929 mit 18 lernt sie Helmuth von Moltke kennen und verliebt sich in ihn. Fortan ist er ihr Lebensinhalt und -elexier. Den politisch engagierten intellektuellen Jurastudent trifft sie so häufig wie möglich und nimmt schließlich selbst ein Jurastudium auf. Zeitweilig studieren beide gemeinsam in Berlin. Aber Helmuth versucht auch den 400 km von Berlin entfernten elterlichen Gutshof in Kreisau/ Schlesien, der in wirtschaftlich schwierigen Problemen steckt, zu konsolidieren. Das Paar ist häufig getrennt bleibt aber eng verbunden.

Auch nach der Hochzeit 1931 ist das Paar aufgrund Helmuth von Moltkes beruflicher Beanspruchung, seiner Reisen auch ins Ausland und später der zunehmenden Aktivitäten im Widerstand immer wieder auch für längere Zeit getrennt. Freya übernimmt die Rolle der Gutsherrin Obwohl großbürgerlich in der Stadt aufgewachsen, findet sie Gefallen am arbeitsreichen, ländlichen Leben. Sie setzt zwar ihr Studium fort und promoviert, aber trotz der guten Ausbildung richtet sie ihr ganzes Leben und Streben an Helmuth aus und verzichtet auf eine eigene berufliche Tätigkeit. In den folgenden Jahren von 1935 bis zur Verhaftung ihres Mannes und schließlich der Flucht 1945 führt Freya den Gutsbetrieb, den Haushalt und bekommt 2 Söhne. Sie unterstützt Helmuth stets bei seinen zunehmenden Aktivitäten in der Widerstandsbewegung und hält ihm den Rücken frei.

Während des Gefängnisaufenthaltes erlebt das Ehepaar zum ersten Mal eine große Nähe. Freya hält sich so viel wie möglich in Berlin auf. Besucht ihren Mann so oft es ihr erlaubt wird, fährt in die Haftanstalt um Wäsche zu tauschen, Nahrungsmittel abzugeben und einfach nur in seiner Nähe zu sein. Es gelingt dem Paar täglich Briefe auszutauschen, die der Freund und Gefängnispastor Poelchau hinein- und hinausschmuggelt. In diesen Briefen geben sich die beiden gegenseitig Stärke und vertiefen ihre Liebe und ihren christlichen Glauben um die kommende Trennung und Hinrichtung, von deren Unabdingbarkeit beide überzeugt sind, zu verkraften. Freya lebt nur noch für diese Beziehung. Es scheint, dass ihr nun zum ersten Mal wirkliche Beachtung durch ihren Mann zuteil wird.

Nach Helmuth von Molkes Hinrichtung im Januar 1945 nehmen die Sorge um Gut Kreisau und am Ende Flucht und Überleben in den Kriegswirren Freya voll und ganz in Anspruch. Einige Jahre lebt sie mit den Söhnen in Südafrika. Nach der langsamen Konsolidierung wird es Freyas vornehmliche Aufgabe, das Andenken ihres Mannes und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Erinnerung zu halten. Die vom Kreisauer Kreis niedergeschriebenen Ideen für ein soziales und demokratisches Deutschland nach dem Krieg sollen nicht untergehen. Jetzt zeigt sich was in Freya steckt, sie unternimmt Vortragsreisen, transkribiert die Briefe aus der Gefangenschaft, knüpft Kontakte, engagiert sich für die Organisation Cripple Care. Sie tritt aus dem Schatten ihres Mannes und der Familie.

Bis sie schließlich 1956 in Berlin den charismatischen, intellektuellen früheren Lehrer ihres Mannes, den verheirateten und 23 Jahre älteren Wissenschaftler Eugen Rosenstein, wieder trifft und sich Knall auf Fall verliebt. Und wieder wird sie zur starken Frau im Schatten eines großen Mannes. Nach einer emotionalen und aufreibenden Dreiecksbeziehung stirbt die Ehefrau Rosenzweigs 1959 und ein Jahr später bezieht Freya die Rosensteinsche Villa in Harwich/ USA. Das Andenken an ihren ersten Mann hält sie weiter hoch und unterstützt entsprechende Buchprojekte.

Nach dem Tode Rosenstocks wird sie wieder öffentlich aktiv. Nun hat sie das Erbe zweier "querliegender" Männer (wie sie es nennt) zu verwalten. Der Eugen Rosenstock-Huessy Fund und das Norwich Center  werden neu gegründet. Sie engagiert sich in einer Verbraucher Genossenschaft, veröffentlicht die Briefe aus der Gefangenschaft erstmalig und besucht zum ersten Mal seit Kriegsende Kreisau. Sie setzt sich für die deutsch-polnische Aussöhnung und den Erhalt des Gutes und die Schaffung eine internationale Begegnungsstätte ein. 1998 ist es so weit: die Begegnungsstätte wird im Beisein von Freya durch Helmut Kohl und den polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek eingeweiht. Nach einem bewegten und engagierten Leben stirbt Freya 2010 mit 99 Jahren.






Freitag, 9. November 2018

Ein Geniestreich die NUSSSCHALE


Was für eine Geschichte! Im Mutterbauch lässt es sich der Fötus gut gehen und wartet in Hockstellung auf dem Kopf auf die Geburt. Er nimmt regen Anteil am Leben seiner Mutter, genießt mit ihr ein gutes Tröpfchen Wein, ist ein Genießer und Denker.


Die Familienverhältnisse sind kompliziert ebenso wie die Beziehung der Protagonisten zueinander. Folglich hat das Ungeborene schon viel über den Sinn des Lebens und die menschlichen Schwächen sinniert. Die selbstverständliche Liebe zu seiner Mutter bekommt Risse, als er vom Mordkomplett seiner Mutter erfährt. Mit ihrem Geliebten (dem Onkel des Fötus!) plant sie die Ermordung des Ehemannes und Vaters. Es entwickelt sich eine spannende Kriminalgeschichte.

Kann man den Mord verhindern, wenn man eng eingeschlossen im Mutterleib steckt? Eigentlich nicht, aber ... dieses ungeborene Kind ist schlau und weiß seine wenigen Möglichkeiten richtig zu nutzen.

Dieses Büchlein, 274 Seiten die im Fluge gelesen sind, ist fesselnd, humorvoll, sarkastisch und manchmal tiefsinnig. Wer sprachlich anspruchsvolle Literatur liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Ian McEwan ist ein Geniestreich gelungen.

Sebastian Haffner- eine immer noch aktuelle Geschichte eines Deutschen

Kürzlich nahm ich an einem Kiezspaziergang durch unsere Nachbarschaft teil. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass das ehrwürdige alte Gebäude der jetzigen Volkshochschule nach Sebastian Haffner benannt wurde, weil dessen Vater dort Schuldirektor war und er dort aufgewachsen ist. Das brachte mir ein Buch in Erinnerung, dass ich vor vielen Jahren gelesen hatte: "Sebastian Haffner- Geschichte eines Deutschen- Die Erinnerungen 1914-1933".

Als ich das Buch aus dem Bücherregal zog und zu lesen begann, hat es mich sofort wieder mitgerissen. Nicht nur erklärt Haffner eindrucksvoll, wie der erste Weltkrieg begann und wie er selbst von dem Begeisterungssog mitgerissen wurde, sondern er beschreibt insbesondere die politische Situation und die Gefühlslage der Deutschen in der Weimarer Republik, während der Novemberrevolution und zur Zeit der Machtübernahme Hitlers. Hungersnot, Elend, Massenarbeitslosigkeit, politische Unruhe und Zerrissenheit beobachtet der damals junge Autor und kommentiert die Lage weise und vorausschauend. Man mag teilweise nicht glauben, dass die Aufzeichnungen echte Zeitdokumente sind, so glasklar und distanziert werden die Umstände, die Gefühle der Menschen und die Reaktionen seziert und analysiert. Das System Hitler und der Nationalsozialismus, rechte Propaganda und die Zerrissenheit des sozialistischen und kommunistischen Lagers werden verständlich beschrieben und beleuchtet.

Aus eigener Erfahrung und Betroffenheit schildert Haffner die Veränderungen im privaten Umfeld. Wie das Gift der Nazis langsam in die hintersten Winkel des Familienlebens sickert. Wie deren Ideologie Wirkung nicht nur politisch und gesellschaftlich sondern bis in das Privatleben hinein entfaltet. Er schreibt nicht aus der Position eines Verfolgten sondern der eines stillen Beobachters.

Wer gern mal Zeitzeugen fragt: "Wie konntet ihr das zulassen? Warum habt Ihr nichts getan?" Der findet in diesem Buch Antworten. Ich zumindest hatte nach der Lektüre das Gefühl, dass ich wohl unter den damaligen Umständen auch nicht der Mutigen Eine gewesen wäre.

Dieses Buch sollte m.E. Pflichtlektüre in den Oberstufen der Schulen werden. Es ist nicht nur gelebte Geschichte, sondern Spiegel der Zeit in der wir leben und der Verführungen, denen wir alle gelegentlich anheimfallen. Parallelen zu heutigen politischen Entwicklungen sind auffallend.

Mittwoch, 25. April 2018

In Mondnächten von Ami McKay

Neulich fiel mir dieses Buch in die Hand. Ja, in Berlin passiert es, dass Bücher einem "zufallen". Wer hier seinen Bücherbestand ausmistet denkt an all die bedürftigen Leser dort draußen und stellt eine Bücherbox vor die Haustür, auf den Fenstersims oder die Mauer. Es dauert nicht lange und es haben sich Abnehmer für den Lesestoff gefunden. Auf diese Weise haben schon einige Bücher den Weg in mein heimisches Regal gefunden. Gerade letzte Woche eine 8-bändige Sammlung der Goetheschen Werke aus dem Jahr 1880!

Das hier zu beschreibende Buch fand ich in einer Kiste im Hausflur des Mietshauses, in dem unser Sohn wohnt. Der Titel und der noch neue Einband animierten mich, das Buch mitzunehmen.  Zu Hause dann: Ernüchterung. Auf dem Einband heißt es: Nova Scotia zu Beginn des 20. Jahrhunderts: die junge Hebamme Dora Rare kennt gegen jedes Leiden das richtige Kraut. Sie weiß wofür frischer Tau gut ist, wie man ein Kind auf die Welt singt und womit man betrunkene Männer besänftigt. Oh je, bin ich hier an eines von diesen esoterischen, verträumten Büchern geraten, die die Geburt eines Kindes "schön schreiben" und einen glauben machen wollen, dass die Geburtsschmerzen gar leicht zu ertragen sind, wenn man alles der Natur überlässt?

Nein! Als ich in Ermangelung neuen Lesestoffes dann begann dieses Buch zu lesen, war es ganz anders als erwartet. Hier wird das Leben von Frauen erzählt, die in rauher Natur an einem einsamen, unwirtlichen Fleckchen Erde unter schwierigsten Bedingungen ihr Leben, das ihrer Familie vor allem aber das Überleben ihrer Kinder sichern müssen. Die Einwanderer müssen der Natur das Land zum Anbau der Nahrung abringen, müssen ihr Hab und gute vor den Unbilden rauer Naturgewalten schützen. Die Männer sind beim Fischfang der rauhen See ausgesetzt. Die Frauen sind häufig von vielen Schwangerschaften  ausgezehrt, Geburten sind oftmals eine lebensgefährliche Angelegenheit. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben, weit entfernt vom nächsten Ort, in dem Geschäfte, Apotheke und Arzt zu finden sind. Eine alte Einsiedlerin, die über Heilkräfte und medizinisches Wissen verfügt, ist die einzige Hilfe für die Frauen und ihre Familien bei Krankheiten, Verletzungen und bei Schwangerschaft und Geburt. Sie hat über Jahrzehnte jedes Kind in Scots Bay zur Welt gebracht. Trotzdem ist die Heilerin Außenseiterin, wird als Hexe gebrandmarkt und lebt nur geduldet am Rande der Gesellschaft. Lediglich die junge Dora Dare, einziges Mädchen in einem Jungenhaushalt, fühlt sich der alten Frau zugetan, lernt von ihr die geheimen Rezepturen und geht ihr schließlich sogar bei Geburten zur Hand.

In der nächst größeren Ortschaft siedelt sich ein Arzt an, der den Frauen mehr Sicherheit und Schmerzfreiheit bei der Geburt verspricht. Im Rahmen seiner Patientenwerbung verunglimpft er die Heilerin und Hebamme und findet AnhängerInnen, die sich gegen die Alte wenden. Als die alte Heilerin verstirbt und die junge Dora deren Platz eingenommen hat, kommt es zu schicksalhaften Tragödien, die ihr angelastet werden und schließlich zu ihrer Flucht führen. Aber Dora gibt nicht auf und kehrt eines Tages zurück um sich der Anklage zu stellen.

Spannend und mitreißend wird in diesem Buch das Leben und Überleben von Frauen in einer Zeit geschildert, in der sie häufig von ihren Männern unterdrückt und misshandelt wurden und wegen vieler Schwangerschaften und fehlender Schonung körperlich entkräftet und krank waren. Dennoch kämpfen sie für sich und ihre Familien und ein kleines Glück. Die junge Dora erstarkt in ihrer Rolle, getragen von ihren Freundinnen, die ihr durch schwere Zeiten helfen. Sie behauptet sich gegen die Männerwelt und emanzipiert sich gegenüber der modernen Medizin.