Wer
sich nicht vor dicken Buechern fuerchtet, seine Nervenstärke austesten möchte und sprachliche
Gewandtheit (hoffentlich auch in der deutschen Uebersetzung, ich habe
das englische Original gelesen) liebt, der sollte dieses Buch der
Newcomerin Hanya Yanagihara nicht verpassen. Auf immerhin 720 Seiten jagt
uns die Autorin durch das "bisschen Leben", dass so viele Tiefen, so
viele Wendungen und so ein furioses Ende hat, dass man sich am Ende
selbst fuehlt, als sei ein viel zu kurzes Leben zu Ende gegangen. Trotz des grossen Leseumfanges
hielt ich das Buch nach dem Durchlesen in der Hand und fuehlte eine
Leere, wie selten in solch einem Moment. Nach kurzem Ueberlegen fing ich
von vorne an zu lesen. Das konnte doch nicht alles einfach so vorbei
sein!
Ich
werde in meiner Besprechung nicht all zu viel von den Inhalten verraten, um die unglaublichen und mitreissenden Ereignisse nicht vorwegzunehmen. Ich rate auf jeden Fall davon ab, die ueblichen Rezensionen
vorab zu lesen. Darin wird leider sehr viel verraten, was dem Buch einen
Teil der Spannung nimmt.
Es
beginnt wie ein amerikanischer Traum: vier Collegefreunde, alle
ungewoehnlich talentiert, gut aussehend, zum Teil mit reichem
Elternhaus, versuchen nach dem Studium in ihren Berufen Fuss zu fassen.
Der charmante, blendend aussehende Frauenschwarm Willem als
Schauspieler, der verträumte Malcolm aus reichem Elternhaus (der einzige
der vier, der noch zu Hause wohnt) als Architekt, der unterhaltsame, geistreiche J.B.
als Maler und schliesslich Jude, aufopferungsvoller, liebender Freund und hochbegabt als Jurist. Er ist
als Waisenjunge im Kloster und im Heim aufgewachsen, hat eine leichte
Gehbehinderung und ist von den Vieren der sensibelste. Die Vier sind
lebenslang unzertrennbar, geben aufeinander Acht. Jude ist der charismatische Mittelpunkt des Quartetts.
Aber
mit jedem Kapitel bekommt der Traum mehr Risse. Es sind nicht die
Äusserlichkeiten, sondern die Gefuehle, die Ängste, die Zweifel, die an
dem schönen Leben nagen. Vor allem Judes Lebens- und Leidensgeschichte
wird Schicht um Schicht frei gelegt und schockiert mit ihrer Heftigkeit.
Mit Wucht und ohne Ruecksichtnahme lässt uns die Autorin in Abgruende blicken, lässt uns Schmerz und Verzweiflung miterleben. Man
wird von dem Strudel mitgerissen und kann nicht aufhören zu lesen.
Manchmal ist das Weiterlesen selbst eine Art Folter. Auch fuer die
Freundschaft der Vier wird Judes Ringen mit den Geistern der
Vergangenheit zur Zerreissprobe.
Wer sehr zart besaitet
ist, wird die Geschichte schwer ertragen können. Noch nie habe ich die
Gefuehle, die verdrehte Wahrnehmung, die fern ab von der Realität
im tiefsten Inneren gezogenen Schluesse einer verletzten Seele so intensiv mitfuehlen
können. Yanagihara versteht es meisterhaft Zweifel, Selbstverachtung, Versagensängste und tiefste Verzweiflung zu beschreiben.
Aber wir erleben auch tiefe Freundschaft, wahre Liebe und menschliche Guete. Wir können eine wunderbare Liebesgeschichte miterleben.
Zwei Menschen, die sich zutiefst vertrauen und lieben, ueber alle
Konventionen hinweg. Kann diese Liebe Heilung fuer Judes tief verborgene
Verletzungen bringen?
Ich werde es nicht verraten. Und empfehle es selbst herauszufinden.